Ein Tag in der Sphärenschmiede - Teil4
"Willkommen in meiner Schmiede!", rief sie freudig und drehte sich dabei um die eigene Achse.
Der Raum war niedriger als das Ladengeschäft oben und auch weitaus weniger staubig. Er wurde vom warmen Licht mehrerer Laternen erleuchtet, die von der Decke hingen. Durch kleine Oberfenster kahm zudem noch etwas Sonnenlicht hinein das den Staub in der Luft zum Glitzern brachte. Auf dem Boden lagen verschiedenfarbige Teppiche in dunklem Karmesin, Jade und Aquamarin. Eine Wand war ein einziger großer Schrank aus dunklem, warmem Holz, mit unzähligen kleinen Fächern, Türen und Schublädchen.
Dem gegenüber stand ein Arbeitstisch, der ebenfalls dutzende kleiner Fächer hatte und auf denen Standen Kleine Figuren aus holz. Sie stellten Tiere und Personen dar, alle liebevoll drapiert und dekoriert. Daneben befand sich dann doch etwas, das nach Schmiede aussah: Auf den ersten Blick ein großer Ofen – aber doch nicht wie ein gewöhnlicher. Er war aus schwarzem Stein gefertigt, vielleicht Obsidian, vielleicht geschwärztem Stahl – oder eine Mischung aus beidem. Rechteckig, mit einer runden Oberseite, aus der ein Rohr durch die Decke führte.
Die Luke stand offen, eine schwere Doppeltür mit einem Radverschluss, wie bei einem alten Safe. Der Ofen war mit feinen Mustern und Linien verziert, die in seine Oberfläche eingelassen waren. Das warme Licht der Laternen warf breite Schatten auf die glänzende Oberfläche, wodurch die Gravuren besonders gut zur Geltung kamen.
Gegenüber der Treppe – auf deren letztem Absatz ich noch stand, um den Raum auf mich wirken zu lassen – sah ich ein breites Sofa mit vielen dicken Kissen. Davor… ein großer, umgestoßener Stapel Bücher. Die hatte ich wohl vorhin beim Fallen gehört.
„Das ist mein Heiligtum“, fuhr die Elfe fort. „Und hier machen wir aus deinem besonderen Ring eine magische Sphäre! Aufgeregt?“
– „Und wie“, antwortete ich, während ich meinen Notizblock im Anschlag hielt.
Vioresa setzte sich auf den Stuhl vor dem Arbeitstisch und legte den Ring erst mal vor sich ab. Plötzlich wurde ihre Miene ernst. Ich erschrak etwas – so einen Gesichtsausdruck hatte ich bei ihr noch nie gesehen. All die Fröhlichkeit war mit einem Mal verschwunden. Beinahe traurig schaute sie den Ring an.
„Du weißt“, begann sie, „der Ring ist danach weg.“
Ich schluckte trocken.
„Wenn alles glatt läuft, haben wir eine magische Sphäre. Wenn nicht, bleibt nur Altmetall vom Ring übrig. Aber egal was passiert… der Ring selbst wird verloren gehen. Das muss dir klar sein.“
Kurz hielt ich inne. Dann ging ich langsam auf sie zu, nahm den Ring noch mal vom Tisch und streifte ihn über meinen Ringfinger. Dann den Mittelfinger. Dann Zeigefinger und Daumen. An allen Fingern war er zu groß.
„Weißt du, ich denke – einen Ring als Erbstück zu haben ist schon ganz nett, aber eine magische Sphäre, die auch noch von so einer grandios begabten Nachtelfe hergestellt wurde, ist ein weit aus prunkvolleres Erbstück.“
Ich legte eine Hand auf ihre Schulter, um ihre traurige Miene zu vertreiben.
„Alles klar!“ Da war ihre quirlige Art wieder. „Dann mal los!“
Sie lud mich ein, mich zu setzen – auf einem weiteren Stuhl, den sie aus der Ecke holte. Von dort hatte ich einen guten Blick auf den Arbeitstisch.
Zuerst nahm sie den Ring und legte ihn auf ihre Handfläche. Daraufhin leuchteten Linien eines Runenzirkels auf, die auf ihre Hand tätowiert waren. Bis jetzt war mir das Tattoo nicht aufgefallen – es war in einer ebenso dunklen Farbe gestochen wie ihre Haut selbst. Doch nun leuchteten die Linien auf, und der Ring schwebte einige Sekunden über ihrer Hand, bevor die Linien erloschen und der Ring wieder in ihrer Hand lag.
„Was…“ –
„Cool, oder?“ unterbrach sie mich. „Das ist ein Analyse-Zirkel zur Bestimmung der Zusammensetzung von Gegenständen. Spart viel Zeit, so einen Zirkel immer parat zu haben.“
In der Tat – ein wahrhaftiger Meister seines Fachs sollte stets sein Arbeitsgerät zur Hand haben.
„Und was genau hast du erfahren?“ fragte ich neugierig, bereit, alles zu notieren.
„Wie ich es mir dachte: ein normaler Silberling. 92,5 % Silber, 6,3 % Kupfer und… hm? Es scheint, als wäre er in einer dreckigen Schmiede gefertigt worden. 1,7 % Verunreinigungen: ein bisschen Nickel, ein bisschen Blei, sogar Obsidian- und Schwefelreste. Das deutet darauf hin, dass er wohl wirklich in der Hölle geschmiedet wurde. Schmieden in Midgard arbeiten erst seit wenigen Jahren mit so reinem Silber. Und die abgehobenen Schnösel im Himmel verwenden Legierungen aus Silber, Gold und Platin – die würden einen Ring dieser Qualität als Altmetall wegwerfen oder Hacksilber daraus schlagen.“
Das alles hatte sie durch den Zirkel in ihrer Hand erfahren? Ich war so begeistert, dass ich beinahe vergas mitzuschreiben.
„Wieso ist eine so detailreiche Analyse wichtig?“ fragte ich, wissbegierig.
„Eine Magiesphäre besteht aus zwei Komponenten“, begann sie und versuchte dabei sichtlich, sich an eine Buchstelle zu erinnern, um sich ja nicht zu verhaspeln.
„Zum einen dem Kern – in unserem Fall wird dein Ring dieser Kern sein – und zum anderen der namensgebenden Sphäre. Diese Sphäre werde ich nun konstruieren. Und es ist wichtig, dass ich ein Material verwende, das so weit wie möglich vom Kern entfernt ist – verstehst du?“
Sie erwartete keine Antwort, sondern fuhr fort, während sie zu den Schubfächern des großen Schranks ging.
„Wir haben hier einen Ring aus Edelmetall, aber auch Verschmutzungen, die ganz offensichtlich aus dem Höllenreich stammen. Und hier die hundert Punkte-Frage an unseren Kandidaten in der ersten Reihe: Was ist am weitesten entfernt von edlem, geschmiedetem und verschmutztem aus der Hölle?“
Dabei drehte sie sich zu mir um und hielt mir ihren Hammer, den sie am Hosenbund trug, wie ein Mikrofon entgegen.
„Äh… etwas Altes, Natürliches und Sauberes... aus dem Himmel?“ stotterte ich, wohlwissend, dass die Antwort wahrscheinlich falsch war.
„Ding! Ding! Ding!“ Sie imitierte das Geräusch einer Glocke. „Der Kandidat gewinnt den Hauptpreis! Eine All-Inclusive-Reise für zwei Personen an die malerischen Flussufer des Styx! Ich hoffe, du nimmst mich mit?“
Verblüfft darüber, dass ich tatsächlich richtig lag, vergaß ich ganz, alles mitzuschreiben.
Sie kam derweil zurück an den Tisch, die Arme voller Materialien.
„Also, schau her…“, eine Geste ihrerseits zeigte an, näher zu kommen. Ihre Stimme wurde leiser, fast verschwörerisch.
„Zum ersten haben wir hier Rinde eines Apfelbaums aus Eden – das Gegenstück zum Höllischen und zum geschmiedetem. Da der Ring größtenteils aus einem glänzenden, aber innerlich verschmutzten Metall besteht, nehme ich noch Eschenholzzweige. Und dazu noch – das mache ich echt nicht oft…“
Sie kam mir noch näher und sprach noch leiser, während sie mir ein goldenes Knäuel zeigte.
„Das ist ein Faden aus den Haaren meiner Halbschwester und mir.“
Sie zog ein Stück Schnur aus dem Knäuel. Der Faden war hauchdünn, doch ich erkannte zwei miteinander versponnene Stränge: einen silbernen – Vioresas Haar – und einen goldenen, der wohl ihrer Schwester gehörte.
„Warum willst du so ein besonderes Material verwenden, Vioresa?“ fragte ich ungläubig.
„Eine Sache, ein Gegensatz, fehlt noch“, antwortete sie. „Du bekamst den Ring von deinem Vater, er von seinem Vater, und so weiter… Alle, die diesen Ring je getragen haben, waren Männer. Also muss etwas Weibliches in der Sphäre enthalten sein. Und was ist weiblicher als ein Faden aus dem Haar zweier wunderschöner, graziler und verführerischer Elfenmädchen?“
Als sie das sagte, grinste sie mich hämisch an – ich zuckte unwillkürlich zurück, in der Hoffnung, dass sie mein rotes Gesicht nicht gesehen hatte.
„Okay, genug der Theorie – jetzt werd mal ein bisschen ernst!“ Sie wollte streng klingen, sprach aber durch ein Lachen hindurch.
Ich beobachtete sie bei der Arbeit. Sie platzierte sechs der Rindenstücke im Kreis. Auf fünf davon ritzte sie Runen – einige kannte ich, die meisten nicht. Ein Stück blieb unbehandelt.
Dann flocht sie aus den Zweigen einen Ring, Borte kleine Löcher in die Rinde und verband die Stücke mit dem gold-silbernen Elfenfaden. Das Konstrukt erinnerte danach an eine Krone aus Holz.
Keine halbe Stunde brauchte sie für alles. Sie war so geschickt mit Werkzeugen und Material, dass mir die Spucke wegblieb – sie hingegen war vollkommen entspannt, summte sogar ein Lied.
Kurz darauf hielt sie mir Ring und Sphäre grinsend entgegen.
„Bitteschön! Jetzt kannst du die Sachen zu Skjalgir bringen. Und sag ihm, wenn er da einen Fehler macht, bekommt er von mir persönlich einen auf den Deckel! Die Spähre ist mir verdammt gut gelungen“
Ja, natürlich. Ich leg mich mit einem Jotnar an, dachte ich mir.
Wir redeten noch kurz über Details, die ich mir in meine Notizen eintrug. Dann bedankte ich mich – wohl ein paar Mal zu oft – und machte mich wieder auf den Weg nach oben.
Während die quirlige Elfe fröhlich summend ihren Tisch aufräumte, verließ ich den Keller über die Treppe.

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