Ein Tag in der Sphärenschmiede - Teil3

 Beide starrten mich nun an und warteten, bis ich etwas sagte.

„Ich weiß nicht genau. Mein Vater ist Professor für Zauberei, mein Großvater war Alchemist irgendwo im vierten Ring der Hölle, und sein Vater davor hat wohl als Magier irgendwo in Eden gearbeitet. Aber woher der Ring genau ist, weiß ich nicht.“

Während Vioresa weiter ungläubig den Ring anstarrte, zog Leophas seine Brille aus und säuberte sie behutsam mit einem Tuch.  

„Sie wissen vielleicht, dass alle Lebewesen eine gewisse magische Affinität besitzen. Diese gibt an, wie sehr sie mit der allumfassenden Macht – der arkanen Macht – verbunden sind. Überschreitet dieser, _Merlin_ genannte Wert, einen bestimmten Punkt, kann das Lebewesen Magie anwenden. Das ist bei einem Wert von ungefähr 50 bis 60 der Fall. Unsere reizende Elfe hier zum Beispiel hat von Natur aus einen sehr hohen Wert – er müsste so bei 170 liegen. So gut wie alle Elfen können demnach Magie anwenden.“

Als der kleine Mann das erklärte, streckte Vioresa merklich stolz – aber dennoch subtil – die Brust heraus.

„Bei uns Menschen ist das immer ein Glücksfall. Manche haben eine Affinität, manche nicht. Gegenstände laden sich über Zeit auf, und normalerweise braucht es circa 80 bis 100 Jahre bei konstanter arkaner Einwirkung, bis ein Gegenstand einen Merlin-Wert von 100 erreicht. Dass ein Gegenstand einen so extrem hohen Wert erreicht, ist nahezu unmöglich. Dafür muss der Ring wirklich einer dramatischen Menge Magie ausgesetzt worden sein – und das über mehrere Jahrzehnte hinweg.“


Ich konnte kaum etwas dazu sagen – wie denn auch? Woher meine Vorfahren den Ring hatten, wusste ich nicht. Ich könnte meinen Vater fragen, aber der ist leider, durch mein Verlassen der Akademie, momentan nicht gut auf mich zu sprechen.


„Das ist einfach ein verdammt krasses Teil, Opa!“, rief die Elfe laut. „Daraus lässt sich sicher was Geniales zusammenschrauben, da bin ich sicher!“


Leophas hob eine Augenbraue.  

„Kalibriert ist er – und für Skjalgir sollte das auch ein Kinderspiel sein, aber ...“


„Was aber!? Alter Mann! Glaubst du, ich kann da keine Sphäre drumherumzimmmern? Schwachsinn, das ist ein Kinderspiel!“  

Die Elfe stützte sich auf ihr angewinkeltes Bein, das sie auf dem Hocker abgestellt hatte, und beugte sich tief zum Alten hinunter. Ihre grazile, feminine Statur biss sich mit dieser maskulinen, bedrohlichen und provokanten Pose.

Der kleine Mann aber schien unbeeindruckt und polierte weiter seine Brillengläser.  

„Na schön, Fräulein. Dann heiz deinen Ofen vor – der werte Architekt ist gleich da.“

Als Leophas diese Worte sprach, wurde der Raum plötzlich etwas dunkler. Ich drehte mich zum Schaufenster und zur Tür. Die Elfe tat es mir gleich, und ich sah, wie sich ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht ausbreitete.

Die Verdunkelung kam durch einen gewaltigen Schatten, der sich vor dem Geschäft auftat. Bevor ich fragen konnte, was das zu bedeuten hatte, öffnete sich die Tür – und in dem Moment wurde mir klar, warum sie so überdurchschnittlich breit war.

Die Hand, die sie öffnete, war keine Hand – es war eine Pranke. So groß wie ein Kutschenrad. Und hindurch trat kein gewöhnlicher Mann – ein Koloss schob sich durch die Tür und das knarzen der Holzdielen klang durch sein Gewicht wie Schmerzensschreie. Arme so dick wie mein ganzer Körper, sein kantiger, breiter Schädel war kahlrasiert und mit Runen tätowiert. Das Gesicht bedeckte ein gewaltiger schwarzer Bart. Die Haut des Kolosses hatte eine fahle, bläulich-weiße Farbe – wie frisch gefallener Schnee und die Luft wurde subtile Kälter in seiner Anwesenheit. Bekleidet war der Riese mit Bärenfellen und einem breiten Lederharnisch. Aufrecht stehen konnte er nicht – obwohl die Decke relativ hoch war, musste er leicht gebückt bleiben. Einige der Kräuter und Gläser, die unter der Decke hingen, baumelten ihm ins Gesicht.

„Ein Jotnar“, stotterte ich und schluckte trocken. Ich drehte mich zu den beiden um und wollte fragen, ob das der Zirkel-Architekt sei. Da quietschte Vioresa freudig auf.

Immer noch meinen Ring in der Hand, sprang sie über die Theke und an den Arm des Riesen hinauf, sodass sie sich mit einer Hand an seiner Schulter festhalten konnte und mit der anderen den Ring vor die kristallblauen Augen des Jotnar hielt.  

„Halt dich fest, Skjalgir! Unser Gast hier...“ – dabei blickte sie in meine Richtung, und Skjalgirs Blick erfasste mich ebenfalls – „... hat uns einen Ring mitgebracht mit einer – raste nicht aus – _31er Kalibrierung_! Kannst du dir das vorstellen!?“


Die Reaktion von Skjalgir war eher unterwertigend. Er hob eine Augenbraue, schnaubte tief aus und gab ein tiefes Brummen von sich. Vioresa, die immer noch an ihm hing und vor sich hin staunte, sprang mit einem Satz von dem Riesen hinunter.


Dieser setzte sich nun in Bewegung – direkt auf mich und den Tresen zu. Ich zuckte zusammen, als er seine gewaltige Hand ausstreckte und über mich hinweggriff. Erst jetzt fiel mir auf, dass die komplette Rückwand keine Wand war, sondern eine Art Scheunentor, das er aufschob und hindurchging.

Verdutzt starrte ich dem sich langsam schließenden Tor hinterher, während die Elfe vergnügt summend Richtung Tresen tänzelte.  

„Wow! Ich hab unseren Großen lange nicht mehr so begeistert gesehen. Das wird ein Spaß! – Komm, Vedgard, wir gehen in den Keller. Jetzt kann’s endlich richtig losgehen!“

Vergnügt hüpfte sie wieder über den Tresen, packte – zu meiner Überraschung – meine Hand und zog mich Richtung Tür, durch die sie anfangs kam.


Als wir zusammen die Treppe hinabstiegen und ich darauf achten musste, nicht zu stolpern, sah ich noch einmal zurück zu dem alten Leophas, der sich gemächlich eine weitere Tasse Tee einschenkte und die rostige Gießkanne wieder auf dem Tisch platzierte.

Vioresa führte mich die schmale Treppe hinunter. Ich erwartete eine rustikale Schmiede mit Amboss, großer Feuerstelle und Blasebalg – doch die Überraschung war groß, als wir unten ankamen und sie in die Mitte des Raumes hüpfte.  

"Willkommen in meiner Schmiede!", rief sie freudig und drehte sich dabei um die eigene Achse.

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