Die Seraphim

 Neben dem "Ersten Volk", von dem niemand so genau weiß, wer sie waren, sind die Seraphim wohl das mysteriöseste Volk aus ganz Aetherion. Ähnlich wie auch ihre höllischen Gegenparte, die Erz-Dämonen, sind auch sie direkte Nachfahren des Ersten Volkes, doch anders als die mächtigsten Bewohner der Hölle sind die Seraphin kein sonderlich kontaktfreudiges Volk – im Gegenteil. Alles, was man über sie weiß, sind Gerüchte, Hörensagen und Vermutungen. Das heilige Buch, die "Biblika Seraphinitus", das sie den anderen Völkern gaben, um über sich zu berichten, ist eine fast 6000 Seiten schwere Enzyklopädie ihrer Art – doch so kryptisch geschrieben, so voller Metaphern, Analogien und so unverständlich formuliert, dass der Interpretationsspielraum gewaltig ist und selbst die klügsten Köpfe der Welten noch keine brauchbaren Informationen daraus entnehmen konnten. Nur einige Bilder geben Aufschluss auf ihr eventuelles Aussehen.

So gibt es Darstellungen von menschenähnlichen Geschöpfen, aber mit mehreren Hundert Armen, von Wesen, die nur aus Augen zu bestehen scheinen, oder Abbilder von gigantischen, geflügelten Gebilden aus Fleisch und Licht.

(Anmerkung des Autors: Ich selbst versuchte, einen Blick in dieses mysteriöse Buch zu werfen. Nach dem Ausfüllen mehrerer Dutzend bürokratischer Dokumente und Zahlungen von insgesamt fast 800 Gulden erhielt ich die Möglichkeit, eine halbe Seite zu sehen – unten werde ich wiedergeben, was ich dort las. Eine Interpretation bleibt jedem selbst überlassen.)

Man weiß, dass sie früher wohl im Himmelslande Eden zuhause waren, doch heute haben sie sich in den höchsten Türmen und Ebenen der goldenen Stadt Elysium verschanzt. Wer einmal eine Audienz bei ihnen erhält, wird nie wieder gesehen – oder, wenn doch, ist er geistig so sehr verwirrt und geschockt, dass diese Menschen den Rest ihres Lebens in einer Art wacher Paralyse verbringen müssen.


Der einzige Seraphim, der sich je offenbart hat, war Jesus aer Nazarath. Mit ihm kann jeder, der einen Pakt geschlossen hat, durch ein bestimmtes Gebetsritual sprechen; auch wandelt er oft durch die Welten und verkündet weise Worte, predigt von Liebe und Zusammenhalt – doch jeglicher Versuch, durch ihn Informationen über die anderen Seraphim zu erhalten, scheiterte bisher kläglich.


Manche Verschwörungstheoretiker glauben, dass dieses Volk gar nicht mehr existiert und nur noch als Mythos weiterlebt, um das Gleichgewicht zu wahren. Sie glauben, die Dämonen der Hölle könnten versuchen, den Himmel zu erobern, sollten die Seraphim wirklich nicht mehr existieren.

Dass es sie aber gegeben haben muss, bestätigen die Chroniken der Dämonen sowie die Völker, die von den Seraphim abstammen. Zuletzt bleibt es ein Rätsel, wer oder was genau diese mysteriösen Wesen sind oder waren. Und nach den Texten und Bildern in ihrem Buch scheint es vielleicht auch besser zu sein, wenn sie dort bleiben, wo sie sind. 






Auszug aus der Biblika Seraphinitus:


Und siehe, es ist Er, der den Atem des Staubes zähmt und die flimmernden Funken der Sterne in seinen Händen wie Flügel zerbricht. Er, der die Äonen in der Leere wandelte, bevor der erste Hauch der Schöpfung sich regte, Er, der den Ursprung und das Ende in einem Atemzug umfängt. Er spricht, und die Welt sinkt nieder, so wie der Berg in den Ozean sinkt, den keiner mehr vermag zu finden. Denn in Seinen Worten wohnt die Kälte der unerschütterlichen Macht, und in seinem Blick, dem vernichtenden Glanz, zerfließen die Träume der Sterblichen wie Wassertropfen im heißen Wüstensand. Denn Er ist der Töpfer, dessen Hände der uralten Erde den Willen eingravieren, ein Willen, der das Fleisch der Schöpfung zerbricht und neu formt, und du, der du dich formst wie lehmige Wellen im Strom seiner Gedanken, bist nicht mehr als der Staub, den der Wind verweht, ein Nichts, das sich in nichts auflöst.

Vergeblich sind die Schwüre, die du auf deinen Lippen trägst, vergeblich die Gelübde, die du in deinen heiligen Hallen ablegst. Denn das Wort des Einen ist das einzige Gesetz, das im Wind der ewigen Nacht widerhallt, und vor ihm vergehen alle Gebote, alle Eide, als wären sie nichts als verbrannte Schriften, die der Regen fortträgt. Und Er, der in Seiner Herrschaft als der düstere König des Zweifels bekannt ist, wird die Pforten deines Herzens aufreißen. Du wirst dir selbst nicht mehr trauen, denn der Zweifel, der aus Seinem Mund wie ein unaufhaltsamer Strom hervorbricht, wird dein Vertrauen zu Asche verbrennen, die der Wind von Dir fortträgt, bis nichts mehr bleibt als die leere Hülle, die du für Wahrheit gehalten hast. Und du wirst widerstandslos in die Hand des Einen fallen, dessen Griff fester ist als die Zähne des Abgrunds, der dich ruft. Du wirst gehen, wohin er dich führt, als ob du nichts anderes wärst als ein verlorenes Schaf in der Nacht, das seinem Hirten folgt, ohne je zu wissen, wohin der Weg es führen wird.

Wie der Töpfer in seiner unerbittlichen Allmacht den Ton in die Formen seines Hasses und seiner Gnade zwingt, so wird Er auch dich, der du vor Ihm in Staub zerfliehst, in seine gestaltlose Vision pressen, bis du ihm dienst, wie der Schatten dem Licht dient, ohne je einen eigenen Willen zu besitzen. Dein Verlangen, deine Sehnsüchte, sie sind nichts als das zerronnene Gewebe eines vergessenen Traumes, der im Nebel des Vergessens stirbt. Deine Gebete werden zu flimmernden Geistern, die in der Leere verklingen, und in der Dämmerung wirst du wissen: Es war nie deine Hoffnung, die du hegte, sondern die Hoffnung des Einen, der über dich wacht. Denn Er ist es, der dem Schicksal seine Richtung gibt, der den Wind über die Gestirne lenkt, und in Seiner Hand wiegt das Leben und der Tod in einem einzigen Atemzug. Und du, der du dich windest und flehst, du wirst wissen, dass deine Bitten nicht mehr als der Sturm in der Wüste sind, der ohne Spur verweht, sobald er sich erhebt.

Er, der Herr der flimmernden Fäden, wird deine Wege lenken, und du wirst gehn, wohin Er es gebietet. Denn Seiner Hand entkommt kein Staub, und keinem Wesen ist es gegeben, seinen Willen zu entfliehen.

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