Kurzgeschichte: Ein Tag in der Sphärenschmiede - Teil1

 An diesem Morgen zog ich ohne festes Ziel durch die Hafenstadt Chalendri, schlenderte von Marktstand zu Marktstand, stöberte in kleinen Geschäften und beobachtete, wie die Straßen. um mich herum. immer geschäftiger wurden, je weiter der Tag voranschritt.


Als mir die großen Straßen zu voll wurden, bog ich in kleinere Gassen ein, in denen weniger los war. Verschachtelte, enge Wege führten mich in Bereiche, die ich zuvor noch nie gesehen hatte. Hier waren nur noch vereinzelt Menschen unterwegs – mal eine kleine Backstube, mal ein alter Antiquitätenladen , aber nichts davon konnte meine Aufmerksamkeit lange halten.


Nach einiger Zeit – ich weiß nicht, wie lange ich schon unterwegs war – bemerkte ich, dass ich in dieser Gasse nun ganz alleine war. Die Straße war schmal, kaum Hauseingänge zu sehen und der der laute Trubel war nur noch ein leises Hintergrundraunen. Ein einziges kleines Schild ragte in die Gasse hinein:


Sphärenschmiede Berrandt“ war darauf zu lesen.


Von solchen Schmieden hatte ich schon gehört – angeblich ein Hort, der Wissen und Handwerkskunst auf ein neues Level gehoben hatte. Sofort war mein Interesse geweckt. Vielleicht konnte ich hier einem Meister bei der Arbeit zusehen oder seltene Artefakte finden, die ein ganzes Kapitel meines Buches füllen würden. Mein Schritt wurde schneller, als ob der Laden jeden Moment schließen könnte.

Angekommen vor dem Geschäft folgte die erste Enttäuschung: Verstaubte, schmutzige Fenster gaben nur einen verschmierten Blick ins Innere frei. In den Schaufenstern: ein paar verstaubte Zauberstäbe und Runentafeln, die – obwohl ich kein Experte bin – selbst für meine Augen alt und von eher minderer Qualität wirkten.

Die zweite Enttäuschung folgte auf dem Fuße: Als ich meinen Kopf durch die breite Tür schob, sah ich... nichts. Dunkel war der Laden und wirkte verlassen.



Da die Tür jedoch nicht abgeschlossen war, trat ich ein und ein hohes klingeln eines kleinen Glöckchens kündigte meine Entscheidung an. Es dauerte einige Momente, bis sich meine Augen an das fahle Licht gewöhnt hatten, das nur von ein paar schwach leuchtenden Laternen ausging. Langsam konnte ich mich umsehen.


Schwere Holzregale standen an den Wänden, gefüllt mit Zauberstäben, vergilbte Fläschchen mit Tränken und Elixieren sowie Stapel alter Bücher, die sich sogar auf dem Boden türmten. Ein alte staubige Standuhr durchbrach mit ihrem rhythmischen Ticken die fast geisterhafte stille. Einige Fässer mit langen Stäben die mit feinen Gravuren verzieht waren standen in einer Ecke, daneben ein Schild, das zum schnellen Kauf ermahnte – ein Sonderangebot, „solange der Vorrat reicht“. Ironisch, wenn man die dicke Staubschicht auf dem Schild betrachtete.


Von der Decke hingen getrocknete Kräuter und Gläser mit allerlei eingelegten alchemistischen Zutaten. Gegenüber der Tür war ein Tresen zu sehen der auf der einen Seite in einen kleine Ofen überging, darauf wurde eine Teekanne warm gehalten. Es verging eine gefühlte Ewigkeit, bis ich bemerkte, dass dahinter ein kleiner Mann an einem Tisch saß.


Er war tief über einen Bannkreis gebeugt, der auf den Tisch gemalt war. Ich trat näher, neugierig, den der Tisch war hell erleuchtet von Kerzen und kleinen Laternen. Der Zirkel war recht komplex, und in seiner Mitte stand... eine zerbeulte kleine Gießkanne, die vom Alten Mann akribisch untersucht wurde.


Gerade, als ich mich weiter über den Tresen beugen wollte, bemerkte mich der Mann endlich. Er erschrak sichtlich, und das spezielle Brillengestell, das aus mehreren Linsen und Monokeln bestand, fiel ihm fast von der Nase. Der Mann war gerade mal so groß wie der Tresen selbst. Man hätte ihn für einen Zwerg oder einen großen Gnom halten können – doch er war ganz eindeutig ein sehr, sehr kleiner Mensch. Und sehr, sehr alt noch dazu.

Kurz rappelte er sich auf, strich seinen weiß-grau melierten Bart zurecht und stand von seinem Hocker auf, um mich herzlich zu begrüßen:


„Oh, werter Herr, verzeiht! Ich war so vertieft, dass ich Euch gar nicht bemerkt habe. Willkommen, willkommen! Bitte, seht Euch um! Möchtet Ihr eine Tasse Tee?“

Seine Stimme überschlug sich fast, und ohne eine Antwort abzuwarten, griff er nach alten Teekanne und begann eine kleine Tasse zu füllen.

„Bitte, macht Euch keine Umstände“, erwiderte ich. „Mich hat das Schild an der Tür neugierig gemacht. Ist das hier wirklich eine Sphärenschmiede?“

„Aber selbstverständlich!“ Fast schon beleidigt fuhr er fort: „Ihr befindet Euch hier in den altehrwürdigen Kammern der Sphärenmanufaktur aep Berrandt, die schon seit über 600 Jahren in Familienbesitz ist und Magie-Sphären für die größten Magier aller Zeiten anfertigt! – Gestattet: Leophas aep Berrandt, Inhaber seit fast 40 Jahren!“


Ich begann zu erzählen: „Oh, sehr erfreut! Nach so einem Ort hatte ich wahrlich schon lange gesucht. Ihr müsst wissen, ich bin ein Entdecker, ein Abenteurer – ein Autor. Ich schreibe an einem Almanach der Welten. Einmal zu erleben, wie eine magische Sphäre erschaffen wird, wäre mehr als ein Kapitel wert. Wärt Ihr bereit, mich zusehen zu lassen wie so eine Magisches Instrument hergestellt wird? Ist das im Moment Möglich“


Seine Augen funkelten. Es schien, als sei er mehr als bereit, sein Können unter Beweis zu stellen.


„Gerne, gerne! Doch leider kommt Ihr zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Um eine Sphäre herzustellen, braucht es viele Hände, viele Meister – und leider ist einer von ihnen noch nicht hier, und der andere... nun ja...“ Seine Stimme wurde leiser, und er murmelte etwas Unverständliches vor sich hin.


„Wenn Ihr aber Zeit habt – trinkt einen Tee, erzählt mir von Eurer Arbeit, und wir warten auf unseren Zirkelarchitekten. Unsere Runenschmiedin ist schon hier – ich ruf sie eben.“


Mit einer Handbewegung lud er mich ein, mich an den Tisch zu setzen, an dem er eben noch gearbeitet hatte. Die rostige Gießkanne warf er achtlos in eine Ecke, stellte seine Teetasse neben die meine und goss uns ein.


Ich setzte mich auf einen der kleinen Stuhl am Tisch und nahm einen Schluck Tee - ein ausgesprochen guter Automatischer Schwarztee, während der kleine Mann eine Tür im Eck, hinter dem Tisch, öffnete und nach jemanden die Treppe hinunter rief.


Es kam keine Antwort. Nur Poltern und Rumpeln, als wäre jemand zu schnell aus einem Bett aufgestanden und hätte dabei Bücher oder ähnliches umgeworfen. Kurz darauf ertönte ein schrilles Klingeln – wie von einer Glocke – und ein Fluchen in einer hohen, mädchenhaften Stimme. Es klang, als hätte sich jemand den Kopf an einer tief hängenden Lampe gestoßen.


Die Schritte, die nun die Treppe heraufkamen, klangen leicht – als müssten die Dielen der Treppe kaum Gewicht tragen. Und ein kurzen Augenblick später stand die Ursache all des Lärms im Türrahmen.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Narrenvolk - Die Abbadonieder

Die Magie-Sphäre

Runen