Ein Tag in der Sphärenschmiede - Teil2
„Mann! Großväterchen! Schon wieder so dunkel hier oben! Du machst dir die Augen noch völlig kaputt!“
Die Stimme der Person klang melodisch, angenehm. Ich konnte die Gestalt nur schemenhaft erkennen, doch eine zarte Hand hob sich, lange, filigrane Finger schnippten – und sofort wurden alle Kerzen und Lampen im Raum um ein Vielfaches heller, sodass ich sie endlich sehen konnte.
Im Türrahmen stand eine elegante Gestalt. Sicherlich fast so groß wie ich – gut 1,70 Meter, wenn ich schätzen müsste. Ihre langen, weiß-silbrigen Haare fielen wie Seide über ihre Schultern. Ihre Haut war dunkel, gräulich, mit einem leicht bläulichen Schimmer, wo sich das Licht spiegelte. Lange, spitze Ohren. Augen wie strahlende Amethyste.
Ganz ohne Zweifel: eine Nachtelfe. Ein äußerst seltener Anblick hier in Midgard.
Im Kontrast zu ihrer geschmeidigen, anmutigen Erscheinung stand ihre Arbeitskleidung: eine dicke Wolltunika mit hochgerollten Ärmeln und darüber eine etwas zu große Latzhose, die nur von einem Träger über ihrer schmalen Schulter gehalten wurde. Aus den Taschen ragten allerlei Werkzeuge, und an einem breiten Gürtel waren Hämmer und Zangen festgeklemmt.
Während der alte Mann ihre Aussage mit einer Handbewegung abtat und zurück zum Tisch ging, bewegte sie sich ebenfalls – um sich Tee einzuschenken.
„Sie wissen aber, dass wir hier nur Ramsch verschachern“, sagte sie schnippisch, ohne mich anzusehen. „Der Laden die Straße runter verkauft viel besseren Kram für Magier. Machen Sie sich lieber auf, bevor der Alte Ihnen irgendeinen Schrott als großes magisches Artefakt verkauft.“
Die Aussage überrumpelte mich etwas.
„Vioresa, hüte dein vorlautes Mundwerk!“, zischte der Alte. „Der Herr...“
„Van dar Reeken. Mein Name ist Vedgard van dar Reeken“, stotterte ich.
„Der werte Herr Van dar Reeken ist nicht hier, um etwas zu kaufen. Er ist Autor! Er sorgt dafür, dass unser Laden wieder die Berühmtheit erlangt, die ihm gebührt!“
Auch diese Aussage überrumpelte mich.
„Entschuldigung, ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor – ich bin auch kein berühmter...“
Ehe ich meine Erklärung beenden konnte, war Vioresa schon an mich herangetreten – so nah, dass sich unsere Nasen beinahe berührten. Ihre großen Amethyst-Augen strahlten vor Begeisterung, und ich merkte, wie ich rot anlief. Sie sah nicht nur umwerfend aus, sondern roch auch genau so angenehm: nach Rauch – aber nicht dem beißenden, der in den Augen brennt, sondern wie der feine Duft von angezündeten Räucherstäbchen.
„Wow! Ein echter Autor!“, rief sie begeistert. „Wie spannend! Und Sie wollen ein Buch über uns schreiben?“
„Ich, ähm... also...“ Ihre Augen leuchteten immer noch voller Begeisterung, und es brach mir beinahe das Herz aber ich klärte nun endlich meine Beweggründe auf.
Ich erzählte, dass ich ein Student war und dass ich durch die Welten reiste, weil mir die staubigen Bücher zu langweilig geworden waren. Mit jedem Wort, das ich sprach, wurde die Miene der Elfe enttäuschter.
Als ich mit meiner Erklärung fertig war, klatschte der alte Mann in die Hände.
„Komm, Vioresa, das ist doch dennoch spannend! Wollen wir ihm nicht zeigen, wie wir arbeiten?“
– „Ja, ja, okay. Aber ich will, dass er besonders meine handwerkliche Begabung hervorhebt... und meine Augen. Er soll schreiben, wie schön sie sind... dann kann er mir zusehen.“
Die Elfe kippelte gelangweilt auf ihrem Stuhl hin und her, während sie missbilligend zusagte.
Verlegen bedankte ich mich, während sie mich mit ihren wunderschönen amethystfarbenen Augen, die so strahlend waren wie ein ganzes Fliederfeld im Sommer, begutachtete.
(Der Autor möchte anmerken, dass die Bedingung der Beschreibung der Augen hiermit erfüllt wurde und von der Nachtelfe und Runenschmied-Meisterin Vioresa ul'Khart abgesegnet wurde.)
Herr aep Berrandt räusperte sich. „Schön, schön. Also...“ Sein altes, aber stets freundliches Gesicht nahm eine professionelle Miene an.
„Eine Magie-Sphäre herzustellen ist ein äußerst komplexer Vorgang...“
"Nichts zu vergleichen mit diesen gescheiterten Pfadfindern die ihre Zauberstäbe schnitzen" fügte Vioresa etwas gehässig hinzu.
Er nahm einen Schluck Tee, um sich wohl auf das, was nun folgen sollte, vorzubereiten.
„Es braucht zuerst den Ähtersucher – einen Magier, der sich auf das Finden von Äther-Artefakten spezialisiert hat. Diese Artefakte können alles sein: ein banaler Stein am Wegesrand, Wasser aus eine Pfütze in einer tiefen Höhle oder der Schädelknochen eines lang verstorbenen Tieres. Selbst eine verrostete Gießkanne...“ – sein Blick zuckte kurz zu jener, die er vorhin beiseite geworfen hatte – „...kann zu einem Äther-Artefakt werden.
Solang der Gegenstand mindestens hundert Jahre an einem Ort lag, an dem besonders viel natürliche arkane Macht entlangfloss, kann ein gewöhnlicher Gegenstand ein solches Artefakt werden.“
Während er erzählte, machte ich mir eifrig Notizen, um ja kein Detail zu vergessen.
„Und genau hier haben wir das Problem“, warf Vioresa ein, die wieder gedankenverloren auf ihrem Stuhl wippte und mit den Fingern durch ihr seidiges Haar fuhr.
„Unser Ähtersucher ist eher ein Äther-Verlierer.“
Das Gesicht des alten Mannes wurde verlegen.
„Ja, es stimmt leider... mein Enkel Theodion ist kein besonders begabter Ähtersucher.“
– „Nicht besonders begabt?“ warf die Elfe ein. „Das ist ja wohl mehr als untertrieben! Seit Monaten schleppt er nur irgendwelchen Kram an, den er im Müll findet! Weißt du, damit es weitergehen kann, braucht man ein Artefakt, das mindestens einen Merlin-Wert von 100, besser noch 120 aufweist und einer Kalibrierung von 12! Sonst kann man das direkt in die Tonne kloppen!
In irgendwelchen Hinterhöfen findet man sowas nicht. Da muss man raus, in die Welt, in verwunschene Wälder, ein paar Huldras oder Dryaden schöne Augen machen – oder mal in die Hölle runter, nach Noctum, wo ich herkomme... aber dafür ist der Knirps zu feige.“
Vioresas Worte waren harsch, und es schwang ein Hauch von Verachtung mit.
„Was meine liebe Kollegin zu sagen versucht“, fuhr Leophas besonnen fort, „ist, dass uns gerade leider die Grundressource fehlt.“
Kurz herrschte Schweigen, und ich dachte nach.
„Moment mal!“, hickste ich auf, wodurch beide etwas erschraken.
„Könnte das etwas sein?“
Damit zog ich aus meinem Beutel einen Ring.
„Das ist der Ring meines Vaters. Dieser bekam ihn von seinem Vater – und dieser wiederum von seinem. Alle Männer meiner Familie waren Zauberer, Magier oder Alchemisten. Wenn dieser Ring sie alle begleitet hat, über so viele Generationen muss er doch eine Menge arkaner Macht aufgenommen haben, oder etwa nicht?“
Es schien, als hätte ich das Interesse von beiden geweckt.
Die so desinteressiert wirkende Nachtelfe beugte sich nach vorne, während der alte Mann den Ring entgegennahm.
Beide räumten den Tisch leer. Während Vioresa die Teetassen auf den Tresen stellte und einige Gerätschaften aufbaute, justierte Leophas seine Spezialbrille.
Der alte, bedachte Mann und die junge, unverschämte Elfe – so unterschiedlich sie waren – bildeten ein eingespieltes Team.
„Nun gut, junger Freund... halten Sie Ihr Notizbuch bereit. Wir schauen mal, was wird.“ - "was wird" ergänze Vioresa mit einem Schmunzeln. (Wohl ein Witz den ich nicht verstanden hab.)
Er legte meinen Ring in die Mitte des Bannkreises und schob verschiedene Linsen in seine Brille.
„Ich bin seit fast sechzig Jahren ein magischer Eichner." Erklärte Leophas aep Berrandt "Ich untersuche Artefakte und bestimme ihren Merlin-Wert. Ist dies getan, justiere ich die Macht im Artefakt. Gegenstände, die sich über Jahrzehnte arkan aufgeladen haben, sind instabil und unberechenbar – deswegen kalibriere ich die Macht mithilfe dieses Bannkreises und der Instrumente und gebe ihnen so einen kalibrierten Wert der später wichtig ist.“
Während er sprach, machte ich mir Notizen und bestaunte den Vorgang.
Erst lag mein Ring nur da, und Leophas starrte ihn an. Dann, plötzlich, fing der Ring an zu zittern und die Linien des Bannkreises leuchteten auf.
Mit einer langen Pinzette griff der Eichner gekonnt nach dem Ring und hob ihn leicht an.
Staubkörner – und sogar sein Bart – hoben sich leicht mit.
„Was bei Satanas’ Willen...“, murmelte Vioresa.
Auch Leophas schien sichtlich überrascht vom Ergebnis zu sein.
Der Ring schlug nun wilde Magie aus, sodass selbst ich – der keine magische Affinität besitzt – sie sehen und spüren konnte.
Die Ausschläge wurden heftiger, die Teetassen begannen zu klappern, danach die Schränke und Bücherstapel.
Die Elfe und ich gingen leicht in Deckung – sie wahrscheinlich, um ihr Haar vorm Herumwehen zu schützen, ich eher aus Angst, dass gleich etwas explodiert.
Der alte Mann murmelte Formeln, drehte den Ring langsam umher, fuhr mit ihm die Linien des Bannkreises ab – und allmählich beruhigte sich die Magie im Ring.
Als alles wieder still war, zog Leophas seine Spezialbrille ab, setzte eine recht normal aussehende auf und hielt den Ring vor sich.
„Bei allen... in meiner ganzen Laufbahn hab ich sowas noch nicht gesehen. Sieh dir das an, Resa.“
Ungläubig nahm sie ihm den Ring ab und hielt ihn sich vors Gesicht.
Sie zog ein Handmonokel aus ihrer Tasche und begutachtete das Ergebnis.
„Auch du meine Fresse... das ist eine... 25er?“
– „31er“, korrigierte Leophas, der mit zitternder Hand die nach seinem Tee griff.
„Eine 31er Kalibrierung?!“, sie klang absolut entrüstet.
„So sieht es aus...“
– „Das müssen ja... wie viel? 460 oder sogar 500 Merlin sein! Wo hast du den her? Haben deine Vorfahren den aus dem Arsch eines Drachen gezogen oder was?!“

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